Freitag, 27 Mai, 2005

Zwischen Hippiesound und Jodelchor

Es gibt Geschichten, die müssen einfach erzählt werden. Und es gibt Musik, die muss man einfach hören. Kommt beides zusammen, eine gute Geschichte und gute Musik, ist größte Aufmerksamkeit angesagt - wie bei Erika Stucky.

Erika Stucky wuchs in San Francisco der späten sechziger Jahre auf. Bands wie die Monkeys, Donovan, aber auch Franz Zappa und seine freakigen Sounds und Ideen bildeten den Soundtrack zu ihrer frühen Jugend. Doch dann kam der Kulturschock. Stucky zog mit ihrer Familie nach Mörel ins Oberwallis, eine Gegend, die nicht von einem unbedingten Fortschrittsstreben geprägt war. Anstatt Frank Zappa, Folk und psychedelische Klänge stand nun Blasmusik auf dem musikalischen Stundenplan. Trachtenvereine und Jodelchöre rundeten das Bild ab. Manch ein Mensch wäre an dieser Umstellung kulturell zerbrochen, nicht aber Erika Stucky. Sie setzte ihre Reise fort und landete in den achtziger Jahren in Paris. Dort ließ sie sich zur Jazzsängerin und Schauspielerin ausbilden. Ihre Erfahrungen aus den Vereinigten Staaten und der Schweiz nahm sie mit nach Frankreich und so begann sich, langsam aber sicher, wie in einem Schmelztiegel aus all diesen so gegensätzlich scheinenenden Zutaten eine ganz eigene Musik heraus zu kristallisieren.
Sieht man sich das Tracklisting ihrer aktuellen CD „Princess" an, erhält man einen ersten Eindruck von Stuckys weit reichenden musikalischen Interessen und Vorlieben: Neben eigenen Songs finden sich dort u.a. Cover-Versionen von Prince („Sometimes It Snows in April"), Freddy Mercury („Killer Queen"), Michael Jackson („Bad") oder dem King Of Rock 'n' Roll Elvis („Jailhouse Rock"). Alle diesen verschiedenen Stücken gewinnt die Schweiz-Amerikanerin eine ganz eigene Note ab.
Die Grundlage ihrer Interpretationen bildet dabei für gewöhnlich ein Blaswerk aus Tuba, Posaunen und Trompeten, das recht häufig für eine düstere Atmosphäre sorgt und hin und wieder einige wunderbar schräge Passagen zustande bringt. Zusammen mit Schlagwerk, Gitarren, hin und wieder Akkordeon und einigen elektronischen Einsprengseln, die alle aber nur wohl dosiert eingesetzt werden, bereiten die Bläser der außerordentlichen Stimme Erika Stuckys das Feld. Sie, die der „Rolling Stone“ einmal zwischen Laurie Anderson, Meredith Monk und Tom Waits verortete und damit die Wahrheit noch immer nicht vollständig erfasste, drückt allen Songs ihren Stempel auf. Mal melancholisch, mal kämpferisch, mal traditionell-jazzig und dann wieder experimentell und schräg führt Sie den Hörer durch ihr Soundlabyrinth. Wer einmal musikalisch ganz neue Erfahrungen machen möchte und auch vor ungewöhnlichen Klängen nicht zurückschreckt, ist bei Erika Stucky auf jeden Fall gut aufgehoben. Sie überschreitet mit Wonne jegliche Genregrenzen und kümmert sich um keine Konventionen. Das ist es, was ihre Musik so interessant und stark macht.

Erika Stucky: Princess; Traumton CD 4481

Verfasst von Jürgen Brück um 11:40.35
Bearbeitet am: Freitag, 27 Mai, 2005 11:41.41
Rubrik: CDs

Wo der Hammer hängt

CD-Singles kommen im Rahmen der Rock & Pop News normalerweise nicht vor. Das liegt nicht daran, dass die Musik auf ihnen etwa schlechter wäre (wie sollte sie auch), sondern eher an deren unpraktischem Format. Kaum hat man das gute Stück in den CD-Player gelegt und auf die Start-Taste gedrückt, ist der Spaß auch schon wieder vorüber. Vier Songs, mehr finden sich selten auf den Scheiben. Wenn ich nun aber doch eine Ausnahme von dieser Regel mache, muss er sich um einen besonderen musikalischen Leckerbissen handeln. Und so ist es auch.

Audry Home, die Band, um die es hier gehen soll, kommen aus Norwegen. Sie haben sich der härteren Gangart in der Rockmusik verschrieben. Kompromisslos und hart ist ihre Musik, perfekt der Sound. Es geht mächtig zur Sache und trotzdem bleibt der Hörer von unkontrolliertem Adrenalinausstoß und übermäßiger Aggressivität verschont. Gerne flechten sie auch einmal ruhige und balladeske Momente in ihre Stücke ein. Audry Home bewegen sich auf hohem musikalischem Niveau, es macht einfach Spaß, ihnen bei der Arbeit zuzuhören.
Mit dieser Single zeigen die Norweger vielen Metal-Combos, wo der Hammer hängt. Sie macht auf jeden Fall eine Menge Appetit auf das demnächst erscheinende Album der Band. Ein Geheimtipp werden Audry Home nicht lange bleiben.

Audry Home: Confessions & Alcohol (CD-Single); Tuba Records

Verfasst von Jürgen Brück um 10:33.59
Bearbeitet am: Freitag, 27 Mai, 2005 11:41.52
Rubrik: CDs

Montag, 25 April, 2005

80s Metal At Its Best

Eine Schwalbe macht noch keinen Sommer, heißt es so schön. Daher werde ich mich an dieser Stelle hüten, bereits von einem Revival des guten alten 80er-Jahre Metal zu sprechen. Freuen darf ich mich aber trotzdem, denn es gilt, zwei weitere feine Hardrockscheiben zu feiern.

Da kann ich zunächst auf eine Band zurückkommen, die bereits im März Thema auf diesen Seiten war. Die Rede ist natürlich von Quiet Riot. Die Jungs haben, wie man weiß, vor allem in den achtziger Jahren eine überragende Rolle in der Metal-Szene gespielt und zählten damals zu den großen Stars des Genres. Nach der Veröffentlichung von „New And Inropved“, dem Remake des 1998 erschienenen Albums „Alive And Well“, kommt Demolition Records nun mit einem ganz besonderen Leckerbissen auf den Markt. Unter dem Titel „Live & Rare Vol.1“ veröffentlicht das Label Live-Aufnahmen aus den Jahren 1983 und 84, der Zeit also, als Quiet Riot sich auf den Gipfel ihrer Popularität befanden. Warum das so war, zeigt diese CD (übrigens die erste offizielle Live-CD der Band überhaupt) eindrucksvoll. Hier war eine mit allen Wassern gewaschene Band am Start, die es wunderbar krachen lassen konnte, aber auch ein Gespür für eingängige Hooklines und große Melodien bewies. Alles Zutaten, aus denen man ein mitreißendes Rockkonzert brauen kann. Die CD versammelt 12 Songs, darunter drei Demo Tracks aus dem Jahr 1981. Natürlich enthält sie in die großen Hits der Band wie „Metal Health“ oder das Slade-Cover „Cum On Feel The Noize“.

Und weil man auf einem Bein schlecht stehen kann, schickt Demolition Records direkt noch ein zweites großartiges Album ins Rennen. In den folgenden Zeilen soll es um eine Band namens Y&T und deren aktuelles Werk mit dem Titel „UnEarthed Vol. 2" gehen. Ich muss gestehen, dass mir die Combo bislang noch wirklich ein Begriff war. Allerdings bin ich froh, sie nun entdeckt zu haben, denn auch sie bietet 70er/80er-Jahre Metal in Reinkultur. Insbesondere die etwas schwerfälligeren Songs und Balladen offenbaren die ganze Klasse dieser Gruppe. Eine gehörige Portion Düsterkeit, ein wenig Melancholie und die nötige Härte stellen doch immer noch die richtige Mischung für hochklassige Rockballaden dar. Die Songs kommen dennoch energiegeladen daher und nicht so wischi-waschi wie viele Möchtegern-Balladen heutzutage. Natürlich können die Jungs aus San Francisco es auch eine Gangart schneller, ihre Stärken liegen aber eindeutig im Midtempo-Bereich. Großartiger Gesang und wunderbare Gitarren kennzeichnen darüber hinaus den Sound von Y&T. „UnEarthed Vol. 2" ist der zweite Teil einer Serie von Compilations, die altes, bisweilen noch nie veröffentlichtes Material der Band aus San Francisco enthält. Solche Veröffentlichung freue natürlich nicht nur eingefleischte Fans, sondern auch Neulinge können sich so ein prima Bild machen. Mich hat diese Scheibe auf jeden Fall zu einem Fan von Y&T gemacht - und es wird euch wahrscheinlich genauso ergehen, wenn ihr das Album hört.

Quiet Riot: Live & Rare Vol. 1; Demolition Records
Y&T; UnEarthed Vol. 2; Demolition Records

Verfasst von Jürgen Brück um 12:04.34
Rubrik: CDs

Montag, 18 April, 2005

Magische Jamsessions

Vor gar nicht allzu langer Zeit hatte ich das Vergnügen, an dieser Stelle das Loblied auf die musikalische Improvisationskunst singen zu dürfen. Damals ging es um eine Post-Krautrock-Band namens Space Debris - man wird sie sicherlich erinnern. Es und nun, nur wenig später, landet ein weiteres Beispiel für diese hohe Kunst auf meinem Schreibtisch beziehungsweise in meinem CD-Player.

Heute möchte ich mich mit einer weiteren deutschen Band, den Mars Mushrooms, beschäftigen. Auch hier ist der Name ein Stück weit Programm. Man findet sowohl spacige Passagen in der Musik, als auch Anleihen bei psychedelischen Sounds. Ein wesentlicher Bestandteil, insbesondere ihrer Konzerte, sind auch hier die Improvisationen. Nicht umsonst zählen die Mars Mushrooms zu den erklärten Lieblingen der deutschen Grateful Dead Anhänger. Auch international wurden bereits erste namhafte Gruppen auf die Band aufmerksam. So wurde man als Support Act für u.a. Gov’t Mule verpflichtet, was durchaus als internationaler Adelsschlag verstanden werden darf.
Wird man sich nun das aktuelle Album der Band, »Transparent Eyeball« an, merkt man schnell, dass man es hier mit einer ganz besonderen Combo zu tun hat. Die 11 Songs auf dem Album stehen auf einem soliden Rockfundament, kommen im weiteren aber sehr variabel daher. Da findet man funkige Passagen, psychedelisch Abgedrehtes, mal wird es beinahe ein wenig folkig und dann kann es auch wieder mächtig und verzerrt zur Sache gehen. Über allen Sounds schwebt dabei immer wieder eine wunderbare Hammondorgel, die der Musik einen feinen Retro-Touch verleiht. Instrumente wie das Didgeridoo oder Dan Moi sorgen für einen Hauch von Exotik und tragen nicht unwesentlich dazu bei, dass die Musik der Mars Mushrooms zu einem interessanten Hörerlebnis wird.
Für mich stellt » Transparent Eyeball« eine der ersten ganz großen musikalischen Überraschungen in diesem Jahr dar. Ich bin froh, dieses großartige Album zu besitzen und kann es jedem Musikfan nur wärmstens empfehlen.

Mars Mushrooms: Transparent Eyeball; bibi records/FENN Music

Weitere Infos zur Band gibt es hier.

Verfasst von Jürgen Brück um 11:19.50
Rubrik: CDs

Donnerstag, 31 März, 2005

Krautrock-Improvisationen vom Feinsten

Vor allem in den siebziger Jahren zählte die Improvisationskunst zu den höchsten Gütern in der Rockmusik. Nur, wer zu langen Jamsessions fähig war, gehörte zu den wirklich Großen im Geschäft. Heutzutage ist nicht nur unser tägliches Leben schnelllebiger geworden, dieser »Geschwindigkeitswahn« hat auch vor der Rock-und Popmusik nicht Halt gemacht. Ein Song muss offenbar nunmehr kurz und schmerzlos sein und an seinen Hörern vorbeirauschen, ohne dabei merkliche Spuren zu hinterlassen. Nur dann wird er, so scheine es zumindest die Plattenbosse zu glauben, auch erfolgreich werden. In solch einer traurigen Situation fallen natürlich Gruppen, die sich nicht an dieses Credo halten, angenehm auf.

Eine dieser Bands kommt aus Weinheim und hört auf dem Namen »Space Debris«. Ihre Passion ist und war es schon immer, sich in langen Improvisationen zu ergehen und dabei hin und wieder ein nettes kleines Soundexperiment zu wagen. Während ihrer Aufnahmesessions planen die neuen Musiker nur wenig. Der Spaß an der Sache und die Freude am experimentieren stehen hier eindeutig im Vordergrund. Diese Lockerheit merkt man den Songs auf dem vorliegenden Album deutlich an.
Genannt haben sie ihr Werk »Krautrock-Sessions 1994-2001« und spätestens jetzt wird auch klar, in welcher Tradition sich »Space Debris« sehen (wenngleich sich ihre Musik auch ein wenig unbewusst in diese Richtung entwickelt hat, wie die Band auf ihrer Homepage erklärt). Dabei haben sie vor allem die Spontanität und Experimentierfreude des Krautrock in ihre Musik integriert. Darüber hinaus findet man Elemente des 70s Progrock und auch Passagen, die an Bands wie Deep Purple (und Songs wie »Space Trucklin'«). Der Spacerock schließlich hat natürlich auch seine Spuren nicht nur im Namen der Band hinterlassen.
Und so erwarten den Hörer wunderbare und bisweilen abgefahrene Hammondorgel-Passagen, lange Gitarrensoli, an denen sich gerne auch einmal mehrere Gitarreros beteiligen, und eine solide Rhythmusarbeit, wie sie für gelungene Improvisationen unerlässlich ist. Hin und wieder findet man sogar ein wenig Gesang, der steht aber ganz und gar nicht im Vordergrund.
Insgesamt befinden sich auf der CD 84 Minuten feinster Rockimprovisationen, wie man sie bisher nur von den großen Meistern dieser Zunft gewohnt war. »Krautrock-Sessions 1994-2001« ist ein Album, das man immer wieder hören möchte und das bei jedem neuen Hördurchgang noch Überraschungen für den Hörer bereithält. Fazit: Unbedingt kaufen!

Ursprünglich ist das Album übrigens auf Vinyl veröffentlicht worden, was im Grund genommen auch wesentlich bessser zum Sound der Band passt. Auch die Dopple-LP kann im Netz (s.u.) geordert werden.
Und nun noch eine gute Nachricht zum Schluss: Ein neues »Space Debris«-Album ist in der Mache. Sobald man mehr weiß, werde ich es hier posten.

Kaufen könnt ihr das Album hier.
Und hier gibt es einige mp3’s zum Reinhören.

Verfasst von Jürgen Brück um 11:59.23
Bearbeitet am: Montag, 04 April, 2005 10:45.43
Rubrik: CDs, Vinyl

Mittwoch, 23 März, 2005

Die wilden Kerle des Rock

»Wo die wilden Kerle wohnen,« heißt ein wunderbares Bilderbuch von Maurice Sendak. Dort fährt der kleine Max fast ein ganzes Jahr lang über das Meer, bis er den Ort findet, wo die wilden Kerle wohnen. »Und als er dort ankam, wo die wilden Kerle wohnen, brüllten sie ihr fürchterliches Brüllen und fletschten ihre fürchterlichen Zähne und rollten ihre fürchterlichen Augen und zeigten ihre fürchterlichen Krallen.« Kein Zweifel, der kleine Max ist im Süden der Vereinigten Staaten an Land gegangen und als erstes einer Southern-Rock-Band in die Arme gelaufen.

Einige Seiten später im Buch werden auch für den noch skeptischen Leser die letzten Zweifel beseitigt, denn eines der liebsten Hobbys der wilden Kerle ist es, Krach zu machen. Jeder Musikfan weiß natürlich, dass das Krachmachen neben dem Vertilgen größerer Mengen hochprozentigen Alkohols zu den Lieblingsbeschäftigungen eines jeden gestandenen Musikers aus den Südstaaten zählt. Außerdem verfügen die Kerle - und diesmal ist die Rede von den Musikern - noch über eine gehörige Portion Chauvinismus und legen, ja zelebrieren eine Form von Vaterlandsliebe, die mit dem gesunden Menschenverstand allerdings nur schwer nachzuvollziehen ist. Das ist sicherlich nicht jedermanns Sache, doch der Southern-Rock hat es schon in sich. Lärmende Gitarren (und davon nicht zu wenige), ein sicheres Gespür für eingängige Melodien und eine wilde Romantik kennzeichnen diese bodenständige Musik.
Spricht man von Southern-Rock, so fallen ein natürlich sofort Bands wie Lynyrd Skynyrd, Molly Hatched oder natürlich die grandiosen Outlaws – auch The American Guitar Army genannt – ein. Black Oak Arkansas, um die es hier gehen soll, stehen und standen international nicht so sehr im Rampenlicht. Dass sie in Fachkreisen allerdings sehr geschätzt werden zeigt unter anderem die Tatsache, dass Sänger Jim Dandy als Nachfolger von Ian Gillan bei Deep Purple im Gespräch war. 1996 tourte die Band, um ein weiteres Beispiel zu nennen, mit internationalen Größen wie Foghat, Leslie Wests Mountain oder Iron Butterfly. Nach diesen Tourneen wurde es allerdings ein wenig ruhiger um Black Oak Arkansas. Nun, mehr als 10 Jahre nach der Veröffentlichung ihres letzten Studio Album, liegt mit »The Wild Bunch« ein brandneuer Longplayer der wilden Kerle vor. Auch er weiß natürlich all die Zutaten auf, die eine züntige Southern-Rock-Scheibe den Fans bieten muss: harte Rock-Kracher, ein wenig Boogie-Woogie-Feeling und einige wunderschöne Balladen. Besonders in den ruhigen, bluesigen Passagen liegen die Stärken dieses Albums. Hier kommt Jim Dandys Stimme außerordentlich gut zur Geltung und Rocky Athas holt das letzte aus seiner Gitarre heraus. Der »Dark Purple Blues« kann es auf jeden Fall und in jeder Beziehung mit so großartigen Balladen wie Lynyrd Skynyrds „Free Bird“ aufnehmen. Aber auch, wenn die Jungs es richtig krachen lassen, kommt beim Rocker Freude auf. Hier sind wirkliche und echte wilde Kerle am Werk, die im Schweiße ihres Angesichts und mit jeder Menge Herzblut ihrer Leidenschaft für die Rockmusik frönen.

Black Oak Arkansas: The Wild Bunch; Music Avenue 250011

Verfasst von Jürgen Brück um 11:26.54
Bearbeitet am: Mittwoch, 23 März, 2005 11:28.57
Rubrik: CDs

Montag, 21 März, 2005

Rockender Rebell

Wer Calvin Russell ins Gesicht sieht, bemerkt schnell, dass das Leben mit dem Barden aus Austin/Texas nicht gerade freundlich umgegangen ist. Und auch seine Musik ist deutlich von der Schattenseite des Lebens gekennzeichnet.

Russell wurde in der Helloween-Nacht 1948 in Austin, Texas geboren und verbrachte seine Kindheit in der Kneipe „Show Nuffs Cafes". Dort arbeiteten seine Eltern. Bereits mit zwölf Jahren griff er zur Gitarre und als mit 16 Jahren der Band Cavemen beitrat, galt er schon als „alter Hase" im Geschäft. Soweit deutet eigentlich alles auf eine amerikanische Bilderbuchkarriere hin. Eigentlich fehlt an dieser Stelle nur noch der A&R-Mann, der ihn entdeckt und zu einem lukrativen Plattenvertrag verhilft.
Der blieb aber aus und Russell tingelte weiter durch die Gegend. Irgendwann geriet er mit dem Gesetz in Konflikt und wanderte erst einmal in den Knast. Dass es dort nicht sonderlich schön ist und auch nicht die feinsten Umgangsformen gepflegt werden, wissen selbst die unbescholtensten Mitbürger. Und auch nach seiner Haftentlassung stellte sich das Happy End noch nicht ein. Es dauerte noch bis 1989, bis Russell im Continental Club in Austin entdeckt wurde und endlich den verdienten Plattenvertrag erhielt.
Seither sind eine ganze Reihe großartiger Alben von ihm erschienen, der ganz große Ruhm blieb ihm indes bis jetzt verwehrt. Insbesondere in den USA tut er sich schwer, im Europa (vor allem im „alten" Europa) verzeichnet der Mann mit dem verknittertem Gesicht größere Erfolge. Hier verkaufen sich seine Album ganz ordentlich und auch die Konzerte des Outlaws sind stets gut gefüllt.
Russells bewegte Biographie schlägt sich auch in jeder Note seiner Musik nieder. Man findet in ihr einen gehörigen Schuss Düsterkeit, natürlich ist sie nicht weit vom Blues entfernt und wie es sich für einen Outlaw von seinem Schlage ziemt, greift Russell auch immer wieder gerne in die Country-Kiste, wenn es darum geht, die richtigen Töne für seine Texte zu finden. Dieser Musik bediente er sich ganz besonders in Rahmen seiner 2001er Albums „Rebel Radio“.
Vier Jahre hat es nun gedauert, bis mit „In Spite Of It All“ ein neues Album des Texaners fertig gestellt war. Nicht nur im Titel schwingt eine gehörige Portion Trotz mit, auch musikalisch kommt diese Platte wesentlich rotziger und ungehobelter als ihre Vorgängerin daher. Calvin Russell rockt, wie lange nicht mehr. Dass er sich dabei natürlich stets selber treu bleibt, versteht sich bei einem Mann mit seiner Vita fast von selbst. Jemand wie er hat es wahrlich nicht nötig, sich im Interesse irgendwelcher Trends zu verbiegen. Und so haben wir es hier mit einem kämpferischen Werk zu tun, bei dem die nachdenklichen Töne aber auch nicht fehlen. Ein wenig klingt Calvin Russell auf „In Spite Of It All“ so, wie ein ungehobelter und authentischer Bruce Springsteen klingen könnte, wenn er nicht schon längst vom Business korrumpiert worden wäre. Aber grämen wir uns nicht über Springsteen, freuen wir uns lieber über diese wirklich tolle Platte!

Calvin Russell: In Spite Of It All; SPV CD 085-78032

Verfasst von Jürgen Brück um 11:44.19
Bearbeitet am: Montag, 21 März, 2005 11:54.19
Rubrik: CDs

Donnerstag, 17 März, 2005

80s Metal im Doppelpack

Die Herzen vieler Metal-Fans schlagen höher, wenn Sie Bands aus den guten alten achtziger Jahren bei der Arbeit zuhören dürfen. Da ging es noch mächtig zur Sache, ohne Schnickschnack und geradeheraus. Es kann kaum ein Nu-Metal-Act mithalten, wenn die alten Haudegen auf der Bühne stehen beziehungsweise ihre Platten im CD-Player rotieren.

Zwei Bands, die damals ganz weit oben in der ersten Liga gespielt haben, sind Quiet Riot und Night Ranger. Beide Combos gründeten sich Anfang der Achtziger Jahre in den vereinigten Staaten, gelangten aber schnell weltweit zu einiger Berühmtheit. Damals war es für Metal Bands nicht gerade einfach, einen Plattenvertrag zu bekommen, da die Hitparaden von diesem unsäglichen Discogeschrammel dominiert wurden. Da erschien kaum Platz für echte Kerle zu sein, die im Schweiße ihres Angesichts die Instrumente quälten. Aber irgendwie gab es auch damals A&R-Manager, die Qualität zu goutieren wussten und so klappte es schließlich doch noch mit den Plattenverträgen. Welch ein Glück, kann man jetzt im Nachhinein aus der Sicht des Musikfans nur sagen.
Ich möchte an dieser Stelle gar nicht die ganze Erfolgsgeschichte der beiden Bands rekapitulieren, es genügt zu sagen, dass die Kapellen nicht nur ihre Fans, sondern auch ihre Plattenfirmen glücklich machten. Aber irgendwann war dann doch Schluss mit lustig. Irgendwie wollte es nicht mehr weitergehen und so beschlossen beide Combos, sich aufzulösen.
In den neunziger Jahren schien es dann angesichts der »Techno-Revolution« ganz düster um handgemachte Musik bestellt zu sein. Doch irgendwann regte sich Widerstand, zunächst einige, dann viele der guten alten Bands wagte sich wieder ans Tageslicht. So auch Quiet Riot und Night Ranger. Und beide Bands haben nichts von ihrer Faszination verloren. Dass sie noch immer ihre Instrumente beherrschen, muss eigentlich gar nicht erst erwähnt werden.
Nun kommt Mausoleum Records aus Belgien mit zwei feinen CDs der beiden Kapellen auf den Markt.
Fangen wir an mit Quiet Riot. Die nahmen 1999, nachdem die Reunion beim Publikum gut angekommen war, dass Album »Alive And Well" auf. Neun Songs enthielt das gute Stück, die alle wunderbar abrocken, geradeheraus, laut und dreckig. Also genau so, wie es der Fan gern hat. Die Leute von Mausoleum Records haben dem schon fast zum Klassiker gewordenen Album nun noch sechs Bonustracks hinzugefügt und dem ganzen Werk mit »New And Improved" einen neuen Namen gegeben.
Ebenfalls 1999 kam ein beachtenswertes Album von Night Ranger auf dem Markt. Es wurde während einer Konzertreise in Japan aufgenommen und erhielt damals den Titel »Rock In Japan«. Nun erscheint das unter dem neuen Namen »Tokyo Blitz«, enthält aber das Material des alten Albums, das bislang in Europa allerdings nur schwer oder gar nicht zu bekommen war. Es umfasst 18 Stücke mit Energie geladenen Metals, erstklassiger Gitarrenarbeit und natürlich der unvermeidlich guten Stimmung in Japan. Da fliegt die Kuh und es bleibt kein Auge (und wahrscheinlich auch keine Kehle) trocken.
Wer Spaß an gutem Metal made in the eighties hatte, wird heutzutage ebenso wenig an diesen beiden Bands vorbeikommen weiland in den Achtzigern.

Quiet Riot: New And Inproved; Mausoleum 251063
Night Ranger: Tokyo Blitz; Masoleum 251038

Verfasst von Jürgen Brück um 13:14.52
Bearbeitet am: Donnerstag, 17 März, 2005 14:55.12
Rubrik: CDs